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a r v i d  b o e c k e r 


C a r a m b o l a g e   v o n   M a x  C h r i s t i a n   G r a e f f  

Der aktuellen Malerei von Arvid Boecker begegnet man unerwartet, aus weiter Ferne - oder besser gesagt aus großer Höhe: Die weitläufigen, unüberschaubaren Landschaften der Kunsttheorie und Malereigeschichte im Heißluftballon überfliegend auf der verzweifelten Suche nach einem Momentchen Gegenwart, einem geeigneten Platz, um niederzugehen, Fuß zu fassen, Land zu gewinnen, schaut man ringsherum zum Horizont, kann nichts erkennen, verliert sich im Nirgendwo. Doch dann fällt der Blick plötzlich senkrecht herab, erkennt Felder, Strukturen, bestelltes Land. Kultivierten Boden. Sogenannte Kulturlandschaft. Die Gegend gliedert sich: Streifen, Rechtecke, Bänder, verwaltete Flächen auf der Leinwand, der dünnen fruchtbaren Kruste unseres Planeten. Einteilungen, Grenzen und Behauptungen: der Mensch braucht Winkel und Ecken, um sich zu organisieren, um anders zu sein als die anderen, um sein Terrain abzustecken, seinen Raum zu belegen. Braucht einen Ansatz von Ordnung inmitten der amorph erscheinenden Wirkungsweisen der Natur, um mit jener und zugleich mit seinesgleichen etwas anfangen und leben zu können. So legt auch Boecker seine Felder in Systemen an. Er gliedert die Fläche, zieht Grenzen, definiert Räume und macht aus dem Nirgend- ein Irgendwo. In der Domestizierung der Wildnis und der unbegrenzten Möglichkeiten, im Zusammenspiel von Natur und Bedürfnis, von Malerei und Selbstbeschränkung wird das Bild zum Ort. Sobald er ausgemacht ist, kann man sich ihm nähern. Kann die Ventile seines Ballons ein wenig öffnen, die heiße Luft der Kunstdiskussionen mit grellen Pfiffen ausströmen lassen und beruhigt niedergehen. Es scheint ein guter Ort dafür zu sein.

Die Bilder Arvid Boeckers brauchen ihre Zeit, um zu wachsen. Sie entstehen so langsam, wie ihre Natur es erfordert. Spontan ist an ihnen wenig, allein der natürliche Wille zum Wachstum, zum Wildwuchs, zum sich immer wiederholenden Neubeginn des Kreislaufs steht als Gegenkraft und zugleich als Antrieb hinter der Arbeit, die Kräfte zu bändigen und zu formen. Wie von selbst scheinen die Farben, einmal gesät, zu wachsen, zu blühen und sich zu verändern, sich zu überlagern und zu verdrängen, abzusterben, letztendlich wieder aus dem Bild, aus der Landschaft zu verschwinden. Und dann doch wieder aufzutauchen, im Licht der Wetter und Unwetter, unter dem Einfluß von Verwitterung, Abtragung und Erosion. Aber so schön und so einfach dieses Bild vom natürlichen, naturbestimmten Ablauf eines künstlerischen Prozesses auch ist, es trifft nur begrenzt zu, dient lediglich der Annäherung an Boeckers eigentliche Arbeit. Denn jener ist - zum Glück - kein Weltenschöpfer, der die Dinge mit das Chaos berechnender Vorausschau in Gang setzt und laufen lassen kann. Boecker ist Maler und Mensch, unwissend wie wir alle und folglich stets forschend und experimentierend mit der übergeordneten, undurchschaubaren Wirklichkeit. In seinem Werk gibt es mehr Unsicherheit als Gewißheit, mehr Versuch als Überzeugung. Er lehrt uns nichts über die Welt, er studiert sie selber, mit jedem Bild aufs Neue.

Die heutigen Bildreihen von Arvid Boecker entstehen - auch wenn jedes Bild, fertiggestellt, als einzelnes gilt und besteht - als komplexe Serien mit jeweils eigenen Maßen und Konstanten. Nicht ihres Erfolges oder ihres guten Funktionierens wegen, sondern weil sie sich in ihrer Entstehung gegenseitig benötigen. Weil sie sich in ihrer seriellen Unterschiedlichkeit bedingen und brauchen, um die Vielzahl ihrer Möglichkeiten unter eine gewisse Kontrolle zu bekommen. Um die Balance zu halten im Spiel der Kräfte. Um das nötige Maß zu halten, wenn der Rausch der Farbigkeit mit dem Maler durchzugehen droht. Wer Wind sät, wird, so heißt es, Sturm ernten. Und ein Sturm der Farben ist hier ganz und gar nicht gemeint. Boecker ist ein eher stiller, bewußter, fast meditativer Arbeiter. Eher vorsichtig läßt er seine künstlichen Landschaften entstehen und vergehen. Bei aller Laune und offenbarer purer Lust an der Kraft der Pigmente nimmt er sich alle benötigte Zeit, um entstehende Wirkungen selbst zu erkennen und den nächsten Schritt zu tun. Manchmal gräbt er im Bild nach den vorvergangenen Schritten, legt längst Vergessenes wieder frei, läßt Verworfenes durchscheinen, und manchmal deckt er auch den gesamten laufenden Prozeß radikal mit einer neuen Fläche zu, legt eine komplett neue Landschaft an, um auf den Spuren des Vergangenen von neuem zu beginnen. Mal läßt er eine Bildfolge auch wochen- oder monatelang unverändert ausharren, um die Ungewißheit oder auch die Ungeduld zu bändigen. Es ist ein ständiges Spiel der Kräfte, der Selbstbeschränkung, der Ahnung von einer bestimmten Wirkung, die es zu erkämpfen gilt. Es ist der ständig erste, stets junge Blick auf ein vielleicht schon altes, dutzendfach neu gearbeitetes Bild, die unablässige Prüfung von Erinnerung und momentaner Wirkung. Was nicht heißt, dass es nicht auch mal ganz schnell gehen kann und dass die gelungene Behauptung eines Bildes an diesen langfristigen Prozeß gebunden wäre. In allem Einhalten Boeckers, in jedem Plan und jedem Maß, in jedem Auftrag des Malers bei jedem einzelnen neuen Bild, sich die Leinwand untertan zu machen, steckt auch die nicht so häufig anzutreffende Fähigkeit, das Bild im richtigen Moment als fertig zu erkennen.

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